Über die Sorge

Predigt mit Matthäus 6,25-34

Text der Reihe I am 15. Sonntag nach Trinitatis

gepredigt in Stetten a.H. am 13.9.2015

 

Liebe Gemeinde,

 

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petr 5,7). Die Worte unseres Wochenspruchs fordern uns heraus. Sie geben uns eine unmissverständliche Anweisung, die uns alle betrifft, die einen vielleicht mehr, andere weniger, aber Sorgen macht sich jeder.

In einer Umfrage haben Konfis behauptet, sie machen sich keine Sorgen. Ich denke, das ist sofort widerlegt, wenn man ihnen für eine Woche das Handy wegnimmt und den Computer und das Tablet. Sofort sorgen sie sich, sie könnten etwas verpassen, was auf WattsApp oder Facebook gepostet wird.

Es gibt keinen, der keine Sorgen hat, es gibt niemanden, der sich keine Sorgen machen würde um irgendetwas.

Jetzt mögen diese Sorgen um verpasste Nachrichten je nach Blickwinkel banal sein oder dramatisch. Es gibt viele andere Sorgen, die uns beschäftigen und bewegen.

Jetzt nach den Ferien geht die Schule wieder los. Die Sorgen von Eltern und Schülern sind oft riesengroß. Selbst Kinder haben schon Bauchweh vor der Schule vor lauter Sorge, wie der Tag wird, ob sie mitkommen im Unterricht oder ob ihnen jemand etwas tut. Wie wird es in einer neuen Klasse? Wie wird es an einer neuen Schule? Wie schaffe ich das Schuljahr? Eltern sorgen sich um die Hausaufgaben und natürlich um die Noten, die dann kommen werden, wenn die ersten Arbeiten geschrieben werden. Schule bestimmt den Alltag in vielen Familien und damit auch die Sorgen, die damit zusammenhängen.

Sorgen – ehrlich: Es gibt so viel, was ich heute Morgen aufzählen könnte und als Beispiel nennen könnte.

Die Sorge um den Arbeitsplatz – eine Sorge, die viele Menschen kennen. Ich weiß noch wie wir in meiner Familie gebangt haben, ob mein Vater den Arbeitsplatz behält, als es hieß, bei Audi in Neckarsulm werden Arbeitsplätze abgebaut oder gar das ganze Werk werde geschlossen. Wir hätten nicht gewusst, wie es weitergehen könnte. In der Landwirtschaft sind Jahr für Jahr die Sorgen groß, wie sich die Preise entwickeln oder wie das Wetter wird, weil daran das Ein- und Auskommen ganzer Familien mit 2 oder drei Generationen hängt. Erst am Freitag hat mir die Frau eines meiner Cousins wieder erzählt, wie froh sie sei, dass sie schon 1991 die Landwirtschaft aufgegeben hätten. Angesichts der Proteste der Milchbauern wegen der niedrigen Preise ist das nur zu verständlich. Sorgen, die wir haben.

Wir sorgen uns um unsere Gesundheit. Immer wieder werden wir erschreckt, wenn jemand die Diagnose bekommt, er oder sie habe einen Tumor. Und wenn er gar bösartig ist, dann beginnen die Gedanken und Sorgen – mit Recht. Denn dann kommen die Fragen: Wie kann das behandelt werden, welche Chancen auf Heilung gibt es, wie geht es weiter. Da kann sich von heute auf morgen das ganze Leben ändern.

Sorgen über Sorgen. Manche gehen leichter mit solchen Sorgen um, andere tun sich schwerer damit. Wie ist das bei Ehepaaren, wenn die heranwachsenden Kinder abends weg sind und länger ausbleiben – die einen nehmen das locker, andere nicht. Und wenn man dann wieder von einem tödlichen Verkehrsunfall hört, wie der am Freitagabend, als eine junge Motorradfahrerin zwischen Stetten und Schwaigern ums Leben kam, dann wird einem schon anders.

Ich gebe zu, ich gehöre auch zu denen, die sich eher viele Sorgen machen, als wenige. Vor allem, wenn Entscheidungen anstehen im familiären Bereich, dann liege ich manchmal wach und grüble nach, was alles werden kann und welche Entscheidung wohl die Richtige ist.

Es gäbe noch manches aufzuzählen, was es an Sorgen gibt, aber ich belasse es mal bei diesen Beispielen, weil ich denke, dass wir an diesen Beispielen Wichtiges über die Sorgen erkennen:

-          Sorgen gehören zu unserem Leben. Sie kommen und gehen, aber sie gehören zu unserem Leben dazu.

-          Es kommt nicht auf die frage an, ob ich mir Sorgen mache oder nicht, sondern wie ich mit den Sorgen umgehe. Manche Sorgen machen Menschen regelrecht kaputt. Da wird aus einer kleinen Sorge eine große Sorge und aus vielen Sorgen ein Sorgenmonster, das meine Seele auffressen will. Das darf nicht sein.

-          Und dann gibt es ja noch das gute Sorgen, wenn ich für jemanden sorge, wenn ich für meine Seele Sorge und mir was Gutes tue, wenn ich mich in der Fürsorge für Menschen engagiere.

Damit stehen wir vor der Frage, was gut ist, oder was schlecht ist, was uns hilft, was uns hemmt, wie wir also mit unseren Sorgen umgehen können und umgehen sollen.

Und dazu hat uns unser Predigttext ganz praktische Hilfen parat. So praktisch ist kaum ein anderer Text, auch wenn Jesus hier in eine ganz andere Zeit hineinspricht als unsere. Die Sorgen die Menschen haben schienen dieselben gewesen zu sein.

 

Lesung

 

Das erste:

Gott kennt unsere Sorgen.

Jesus nennt zwar hier nur drei Beispiele: Essen, Trinken, Kleidung. Und vielleicht sind das gar keine Sorgen, die ihr oder die sie haben, weil wir genug zu essen und zu trinken und anzuziehen haben. Aber es sind Grundbedürfnisse unseres Lebens. Und darum geht es: Es geht nicht um Einzelfragen, ob ich mir hierüber oder darüber Sorgen mache, es geht um die Sorge um unser Leben. Sorgt nicht um euer Leben.

Im Abschnitt vorher hat Jesus schon eine ganz zentrale Sorge damals wie heute angesprochen, das geht in dieselbe Richtung: Ihr sollt nicht Schätze sammeln – Darum sorgt euch nicht. Und auf einmal geht ein ganzer Horizont an Sorgen vor uns auf, den wir normalerweise mit Versicherungen klein halten wollen oder mit unserem Sparkonto. Alles Materielle ist hier gemeint. Jesus spricht das an, weil er weiß, dass das viele Menschen bewegt. Und wir erkennen: Gott kennt unsere Sorgen.

2. Gott weiß, was wir brauchen.

Hier wird es gesagt: Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Ja er weiß auch, wie sehr wir am Leben hängen und Sicherheit brauchen. Er weiß wie sehr wir um unsere Zukunft besorgt sind. Aber er weiß auch um die Grenze unserer Sorge um die Zukunft: 27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Die Länge unseres Lebens und das Ziel unseres Lebens, das haben wir nicht in der Hand, so sehr wir uns auch darum Sorgen. Das heißt nicht, dass wir blind unserem Schicksal ausgeliefert wären. Gott hilft uns in Krankheit und Not, selten durch ein Wunder, viel öfter durch Menschen, die er uns an die Seite stellt, wie Ärzte oder andere Personen. All das gehört in den guten Plan Gottes für unser Leben.

 

3. Wir sind Gott unendlich viel wert.

Wieviel mehr – das kommt in unserem Text nicht nur einmal vor. Sorgen blicken immer auf das Kleine, das, was kurz vor unseren Augen ist. Gott schaut in die Weite, auf das Große und das Ganze. Diesen Blick will er uns auch schenken, wenn es hier heißt: Seht und lernt. Seht hin auf die Vögel unter dem Himmel. Seht hin auf die Lilien auf dem Feld. Seht hin und damit von euch selbst weg. Das ist ein Problem der Sorge: Sie verleitet uns, nur auf uns selbst zu sehen. Und das ist ein Grundübel, das unseren Glauben lähmt. Martin Luther hat das erkannt und in den Mittelpunkt seiner Sorge um den Menschen gestellt. Der Mensch ist incurvatus se ipsum, eingewickelt in sich selbst. Gott will uns daraus befreien, indem Jesus uns den Blick dafür schenken will, wieviel wir Gott wert sind.

 

4. Hinter dem Sorgen steht der Wunsch, unser Leben in der eigenen Hand zu haben.

Ich habe den Vers eben schon zitiert: 27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

Dahinter steckt aber nicht nur die Sorge um unser Leben. Dahinter steckt auch das erste Gebot. Wer hat das Sagen in meinem Leben? Bin ich das selbst? Dann muss ich mein Leben selbst in die Hand nehmen. Wer hat das Sagen? Im Text vorher ging es um die Frage nach dem materiellen: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Nach den drei wunderbaren Zusagen, Gott kennt unsere Sorgen, er weiß was wir brauchen, wir sind Gott unendlich viel wert, kommt hier eine dringende Mahnung ins Spiel. Gott will die Nummer 1 in unserem Leben sein und er möchte, dass wir das anerkennen. Er hat unser Leben in seiner Hand, wir können uns noch so sehr Sorgen, wir können damit unser Leben nicht verlängern.

 

5. Darum heißt Sorgt euch nicht: Ich werfe meine Sorgen auf ihn, er ist der Herr, der mein Leben in der Hand hat. er sorgt für mich und ich vertraue ihm, dass er es gut für mich macht.

Werfen, wie es im Wochenspruch heißt, ist ein ganz aktives Geschehen. Ich habe in meiner Jugendzeit Handball gespielt. Da haben wir das Werfen trainiert. Wie stark, wohin, auch mal von außen, Trickwürfe, Siebenmeter – So viele verschiedene Würfe braucht man bei den Sorgen nicht. Es geht darum meine Sorgen dorthin zu werfen, wo sie gut aufgefangen und gehalten und getragen werden. Gott hat mein Leben in seiner Hand, also kann ich ihm auch die Sorgen anvertrauen. Das geht nicht von heute auf Morgen. Das will geübt und gelernt sein. Und immer wieder neu fangen wir damit an. Warum nicht heute, nachher nach dem Gottesdienst einfach mal eine kleine Trainingsrunde Sorgen werfen einlegen.

Er macht es gut – ja, auch wenn eine Krankheit zum Tod führt, macht er es trotzdem gut. Weil er uns alle Kraft gibt, die wir brauchen, das durchzustehen. Weil er uns Trost schenkt. Weil er uns unsere Schuld vergibt und uns durch den Tod zum ewigen Leben führt. Auch der Tod ist hineingenommen in Gottes Sorge um unser Leben. In Jesus Christus sehen und erkennen wir, dass Gottes Hilfe und Fürsorge für uns sogar über den Tod hinausgeht.

Darum heißt Sorgt euch nicht: Ich werfe meine Sorgen auf ihn, er ist der Herr, der mein Leben in der Hand hat. er sorgt für mich und ich vertraue ihm, dass er es gut für mich macht.

 

6. Datum heißt sorgt euch nicht, aber auch nicht: Ich lege meine Hände in den Schoß, er wird’s ja richten.

Wenn er für mich sorgt, dann aber auch nicht ohne mich. Die Schüler wissen das am besten. Wenn einer jetzt sagen würde, Gott sorgt für meine Noten, ich brauche nichts mehr lernen, dann wäre unser Text falsch verstanden.

Es ist wie im Garten. Eine Frucht entsteht nicht, indem einer kommt und die Tomate an die Staude zaubert, den Apfel an den Baum, den Getreidehalm auf den Acker. Und dennoch sagen wir: Gott schenkt uns die Früchte. Weil er sie wachsen lässt. Und weil wir uns um die guten Wachstumsbedingungen bemühen. Gottes Fürsorge für Schüler kann darin bestehen, dass er ihnen hilft, in der Schule sich besser konzentrieren zu können. Oder den Stoff besser zu verstehen. Gottes Fürsorge kann darin bestehen, dass er hilft, dass die Hausaufgaben besser gehen und man sie nicht so oft vergisst. Die Frucht sind dann die besseren Noten.

Gott nimmt uns die Sorgen, aber nicht unsere Verantwortung. Er will mit uns unser Leben gestalten. Darum ist es umso wichtiger, die Sorgen auf ihn zu werfen und mit ihm im Gespräch zu sein, wie es weitergeht. Im Gebet und im Gespräch mit ihm legen wir nicht nur unsere Sorgen ab, sondern erkennen wir auch neue Wege, Chancen und Möglichkeiten. Gebet ist eben nicht nur reden zu Gott, beten heißt auch hören, welche Wegweisung er uns gibt.

Und zum Schluss lade ich wie immer mal wieder ein. Ich lade ein, einander zu helfen, die Sorgen wegzuwerfen und im Gespräch miteinander auf Gott zu hören, wie es weitergehen kann. Es kann hilfreich sein, nicht allein diese Tipps umzusetzen, sondern in der Gemeinschaft mit anderen oder in der Seelsorge.

Und wenn sie sich diese Tipps nicht merken können, dann lesen sie sie nach. Ich stelle die Predigt von heute nachher gleich ins Internet.

 

Amen.