Predigt vom 31.5.15

Liebe Gemeinde,

als Predigttext hören wir heute auf den Predigttext des kommenden Sonntags. Prädikant Frenz wird mit ihnen über den heutigen Predigttext am nächsten Sonntag nachdenken.

 

Ich lese Lukas 16,19-31.

 

Welch eine Geschichte, welch ein Text! Ein Text über Himmel und Hölle, über Reichtum und Elend, über Tod und Verderben, so scheint es.

 

Ich höre schon wieder die Stimmen mancher Kritiker am christlichen Glauben. Da heißt es oft und gern: „Die Christen reden doch nur von der Hölle, um den Leuten Angst zu machen und ihnen dann ihr Evangelium zu verkaufen.“ Das wäre dann in etwa so, wie bei manchen Firmen, die an die Haustür kommen. Da heißt es dann: „Wir waren gerade in der Nachbarschaft und haben gesehen, dass ihr Dach sehr schlecht aussieht. Also das müssen sie unbedingt machen lassen. Die Firstziegel und durchgebrochene Ziegel und so, ersetzen lassen die sich nicht, ihr Dach ist so schlecht, das muss alles neu gemacht werden.“ Tolles System! Etwas schlecht reden, um sein Produkt dann als Verbesserung zu verkaufen! Aber im christlichen Glauben geht es nicht um den Verkauf eines Produkts. Und wir brauchen keine Höllenpredigten, um das Evangelium schmackhaft zu machen, diese Kritik läuft ins Leere. Sie läuft ins Leere, gerade auch dann, wenn wir unseren Predigttext heute genauer ansehen. Denn da entdecke ich:

 

Es geht nicht um Himmel und Hölle, es geht um unser Leben hier auf der Erde.

Es geht nicht um Reichtum oder Elend, es geht um unser Verhalten hier auf der Erde.

Es geht nicht um Tod und Verderben, sondern um den Gehorsam gegen Gott und sein Wort.

 

Es ist wichtig, das zu hören. Selbst in solch einer Geschichte geht es nicht um Himmel oder Hölle, sondern um uns hier auf Erden in dieser unserer Welt. Es ist wichtig, das zu hören, weil Jesu Zuhörer das auch so gehört haben. Lassen Sie uns daran noch ein wenig weiterdenken.

 

1. Es geht nicht um Himmel und Hölle, es geht um unser Leben hier auf der Erde.

Zu wem redet denn Jesus hier? Das wird hier in unserem Text nicht gesagt, aber wir können es nachlesen in den Versen davor. Jesus redet mit seinen Jüngern über das Thema „Geld und Reichtum“. Er sagt ihnen: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Und dann heißt es: „Das alles hörten die Pharisäer. Die waren geldgierig und spotteten über ihn.“ Und Jesus sagt zu ihnen: „Ihr seid´s, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen.“

 

Die harten Worte unserer Geschichte sind an Menschen gerichtet, die ihr Herz an Geld und Reichtum hängen. Und über ihr Streben nach mehr Geld und mehr Reichtum übersehen sie den Armen und Elenden vor ihrer Tür. Diese Situation, wie Jesus sie dann auch in unserem Predigttext beschreibt, ist ein Skandal. Das geht doch gegen jedes Gebot der Nächstenliebe und alles andere. Der größte Skandal ist aber der, dass gerade diejenigen, die Jesus hier kritisiert, sich vor Gott im Recht fühlen. Sie sehen ihren Reichtum als Lohn Gottes an für ein gutes und frommes Leben. Das Elend der Armen ist Strafe Gottes für Schuld und Sünde. Und in der Konsequenz dieses Denkens, sind sie es, die sich am Ende ihres Lebens im Himmel und in Abrahams Schoß wähnen. Das gehört zu ihrem Bild des Lebens und des Glaubens hinzu. Sie denken „Wir sind Abrahams Kinder im Glauben.“

 

Liebe Gemeinde, wenn wir jetzt in einer Bibelstunde wären und mehr Zeit hätten, dann könnten wir jetzt die verschiedensten Gespräche Jesu mit den Pharisäern ansehen und immer wieder dieses Denken, wie ich es eben geschildert habe, entdecken: Reichtum ist der Lohn Gottes für ein frommes Leben, wir sind sicher in Abrahams Schoß. Natürlich haben die auch was für Arme getan, aber nur am Rande, nur das Minimum.

 

Und was macht Jesus? Er nimmt dieses Denken auf. Der Reiche ist reich und kümmert sich nicht um das Elend des Armen. Und jetzt stirbt er. Die Pharisäer würden jetzt erwarten, er kommt in Abrahams Schoß. Aber nicht er, sondern der Arme ist dort. Der Reiche ist weit weg, getrennt von Abraham und Gott durch eine große Kluft.

Es geht hier also nicht um Himmel oder Hölle, es geht um das falsche Denken, die falsche Sicherheit, das falsche Heil. Die Botschaft dieser Szene lautet: Wähnt euch nicht in falscher Sicherheit. Es könnte sein, dass der Andere näher am Himmel dran ist als ihr. Aber es geht hier auch nicht nur um reich oder arm oder elend. Das ist nur ein Beispiel für viel mehr.

 

2. Es geht nicht um Reichtum oder Elend, es geht um unser Verhalten hier auf der Erde.

Eine kleine jüdische Anekdote: Ein Jude kommt zu einem Rabbi und klagt: „Es ist entsetzlich. Gehst du zu einem Armen – er ist freundlich, er hilft dir, wenn er kann, Gehst du zu einem Reichen – er sieht dich nicht einmal. Was ist das nur mit dem Geld?“

Da sagt der Rabbi: „Tritt ans Fenster. Was siehst du?“ „Ich sehe eine Frau mit einem Kind. Ich sehe einen Wagen, ich sehe …“ „Gut“, sagte der Rabbi, „und jetzt stell dich hier vor den Spiegel! Was siehst du?“ „Nu, Rebbe was werd ich sehen? Nichts. Mich selber.“ Darauf der Rabbi: „Siehst du, so ist es. Das Fenster ist aus Glas gemacht, und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Kaum legst du ein bisschen Silber hinter die Oberfläche und du siehst nur noch dich selber.“

 

Genau das ist das Problem, das Silber hinter der Oberfläche beim Spiegel, der Reichtum, der den Menschen verändert und ihnen den Blick nimmt für den anderen. Der Kranke, der Arme, der Elende sitzt vor seiner Tür und der Reiche sieht ihn nicht, hilft ihm nicht. Er kennt ihn wohl, er weiß seinen Namen, als er sieht, wie er in Abrahams Schoß sitzt, er bittet Abraham: „Sende Lazarus.“

Es wird in unserem Gleichnis nicht direkt gesagt, warum der eine, Lazarus, in Abrahams Schoß kommt und der andere nicht. Es muss wohl am Leben gelegen haben. Der Reiche hat sein Herz verschlossen für die Not der anderen, der Arme hat viel leiden müssen. Es heißt in unserem Text: „Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt.“ Lazarus wird getröstet. Was er im Leben nicht bekommen hat, bekommt er jetzt bei Gott: Hilfe, Rettung, Erlösung von seinem Elend. Der Name Lazarus heißt übersetzt: Gott hilft. Der Reiche hat keinen Namen. „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“, heißt es einmal. Der Name des einen ist bekannt. Und dieser Name ist wohl auch Programm gewesen. In seinem Elend hat er darauf vertraut, dass Gott ihm hilft. Der andere hat nicht nur vor dem Elend des Armen seine Augen verschlossen, sondern auch vor Gott und seinem eigenen Elend.

 

Das ist ja auch die Kritik, die Jesus an seine Zuhörer richtet. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Wer sein Herz an den Reichtum hängt, wird Gott verachten. Wer sein Herz an Gott hängt, der geht anders mit Geld, Gut und Reichtum um.

Abraham ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn Reiche grundsätzlich nicht in den Himmel kämen, dann dürfte er auch nicht hier sein, er war einer der reichsten Menschen seiner Zeit. Aber im Mittekpunkt seines Lebens stand nicht sein Reichtum, sondern Gottes Verheißung und sein Leben mit Gott.

 

Die entscheidende Frage ist also nicht, ob du reich bist oder arm, sondern: „Wie lebst du mit deinem Reichtum oder in deiner Armut, wo ist dein Herz?“ Und da gibt es noch einen entscheidenden Hinweis am Ende unseres Predigttextes:

 

3. Es geht nicht um Tod und Verderben, sondern um den Gehorsam gegen Gott und sein Wort.

Für mich wird es in unserer Geschichte noch einmal so richtig spannend, als der Reiche Abraham bittet, den Lazarus wieder in die irdische Welt zu schicken, um seine Brüder zu warnen. Er sieht in der Ewigkeit ein, dass sie alle einen falschen Weg gegangen sind. Er sieht ein, dass ihm nicht mehr zu helfen ist. Jetzt will er wenigstens Hilfe für seine Brüder. Er will ein Wunder, das sie aufrüttelt. Doch das, was sie zur Umkehr brauchen, haben sie schon längst: Mose und die Propheten, die sollen sie hören. Und wenn sie das nicht tun, dann ist ihnen nicht zu helfen.

Darauf kommt es an! Durch Mose und die Propheten redet Gott zum Volk Israel, durch sie und durch Jesus redet er zu uns. In diesem Wort ist alles enthalten, was wichtig und richtig und notwendig ist, um den Weg zu gehen, der zu Abrahams Schoß führt. Jesu Kritiker, die Pharisäer, würden das sicher unterstreichen. Doch Jesus würde ihnen das nicht abnehmen. „Ihr macht euch zum Herren über die Schrift“, wirft er ihnen vor. Das, was ein Sohn seinen Eltern an Fürsorge zukommen lassen muss, soll er lieber dem Tempel spenden, sagen sie und übertreten dabei das 4. Gebot. Sie machen aus den Worten der Bibel das, was ihnen passt.

 

Hinhören ist wichtig, zuhören, was Gott sagen will. Hinhören, wo er mich meint mit seinem Wort, darauf kommt es an. Und genau da ist der dreieinige Gott am Wirken. Gott der Vater offenbarte sich in der Geschichte Israels, er offenbarte sich Mose und den Propheten, er gab ihnen sein Wort. In Jesus, dem Sohn Gottes, wurde dieses Wort Fleisch, in ihm sehen wir Gott, wie er ist und wie er handelt. Mit dem Heiligen Geist gibt Gott sich selbst in unser Leben hinein als Kraftquelle, dass wir dieses Wort der Bibel, dass wir Jesus verstehen, dass wir zum Glauben kommen und im Glauben leben. Gott der Vater, Gott, der Sohn, Gott der Heilige Geist. Ein Gott in drei Weisen zu wirken zu unserem Heil – das ist die Dreieinigkeit Gottes, die wir heute an Trinitatis feiern.

Und so, wie wir lernen müssen zu sprechen, zu laufen, zu rennen, zu essen, zu trinken und vieles mehr, so müssen wir auch das Hören auf Gottes Wort lernen. Sind wir bereit dazu? Nicht nur im Gottesdienst oder an Bibeltagen, sondern auch im Alltag? Wir haben Mose, die Propheten, Jesus und die Briefe des Paulus, hören wir sie auch? Und Hören heißt für Jesus auch immer „gehorchen und tun“. Hören wir es, tun wir es? Mit dem Heiligen Geist in uns haben wir sogar alles, was wir dazu an Kraft brauchen.

Nur in dieser Hinsicht gilt von unserem Predigttext: Es geht um Himmel oder Hölle, um reich oder elend, um Tod und Verderben. Es geht darum, durch das Hören auf Gott mit ihm zu leben. Hier und heute. Dann erleben wir hier und heute den Himmel auf Erden in der Gemeinschaft mit ihm und im Bau seines Reiches. Dann sind wir reich, auch wenn es uns elend geht. Dann leben wir, auch wenn wir ins Sterben gehen. Dazu will Jesus seine Zuhörer einladen.

Einer, bei dem das später funktioniert hat, ist Zachäus. Der war reich. Aber in der Begegnung mit Jesus hat sein Leben eine neue Ausrichtung erfahren. „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“, sagt Jesus daraufhin. Nichts weniger wünsche ich uns allen. Amen.

Pfarrer Martin Bulmann, Stetten am Heuchelberg