Predigt vom 19. Januar 2014

Predigt mit Römer 12,4-16

Text am 2. Sonntag nach Epiphanias

gepredigt in Stetten a.H. am 19.1.2014 zur Einsetzung des neuen Kirchengemeinderats

 

4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,

5 so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied,

6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.

7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.

8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern.

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.

15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.

16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

 

Liebe Gemeinde,

 

dieser Text aus dem Römerbrief ist der Episteltext für den heutigen Sonntag. Sie werden es gehört haben. Er passt zu unserer heutigen Einsetzung eines neuen Kirchengemeinderates ganz hervorragend. Ein paar Verse aus diesem Text sind sogar vorgeschlagen als Schriftlesung zur Einsetzung nachher.

 

Er passt – aber worin passt er? Passt er als Kriterienkatalog für eine gute Kirchengemeinderatsarbeit? Sozusagen als Checkliste, die man immer mal wieder hernehmen muss, ob man noch auf dem richtigen Kurs ist? Sind wir sorgfältig? Sind wir nicht träge, herzlich, fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet?

 

Man könnte aber auch sagen: Wie eine Perle an die andere, so reiht sich hier eine Handlungsanweisung an die andere und ergibt eine lange Kette der Überforderungen. Wer kann denn überhaupt so leben und in einer Gemeinde arbeiten?

Die einen mögen begrüßen, dass Paulus hier so konkret wird, die anderen könnten unter der Wucht der Konkretion schier zusammenbrechen. Was hilfreich ist, kann auch zur Last werden.

 

Aber ist es nicht so in fast allem, was wir tun und sind? Es hat alles seine zwei Seiten, die eine, die schöne und eine weniger schöne. Es ist toll ein neues Handy zu bekommen, ein Smartphone. Klar, muss ich erst lernen, damit umzugehen, es zu gebrauchen, wissen wie man Bilder macht, Musik hört, ins Internet geht und irgendwie telefonieren soll man damit auch können. Was nutzt ein teures Smartphone, wenn man nicht damit umgehen kann oder wenn man es nicht mehr aus der Hand legen kann. Genauso ist es mit einem Computer. Was kann ein Computer mit guten Programmen einem Zeit sparen. Aber bis alles eingerichtet ist und bis alles läuft, muss man Zeit investieren. Und das ist manchmal ganz schön viel.

 

Wie schön ist es, in ein neues Amt oder wieder in ein Amt gewählt zu werden. Toll, wenn man Kirchengemeinderat ist, Kindergartenleiterin, im Leitungsteam von ChriS, unserer Jugendarbeit oder eine Gruppe leitet. Toll ist es, eine solche Aufgabe zu haben. Aber da steckt auch Verantwortung drin. Ich brauche Know how, ich trage Verantwortung. Es soll gut werden und das ist manchmal nicht so einfach. Eine Aufgabe soll Freude machen und nicht eine Last sein.

 

Unser Predigttext heute Morgen will uns Freude machen, und keine Last sein. Er will uns motivieren, einladen, bestärken, nicht belasten, niederdrücken oder vor einen Berg von Aufgaben stellen. Und das liegt daran, dass er nicht in einem luftleeren Raum schwebt, dass er nicht so einfach daher geschrieben ist, sondern dass diesem Text bereits 11 Kapitel Römerbrief vorausgehen. Unser Text steht am Anfang des zweiten Teils des Römerbriefs. 11 Kapitel lang hat Paulus über den Glauben an Gott in Jesus Christus geschrieben. Er hat seinen Leserinnen und Lesern in Rom beschrieben, was Jesus Christus für uns getan hat: Er ist am Kreuz gestorben und hat uns von Schuld und Sünde befreit. Und das ohne, dass wir uns das verdient hätten und ohne dass wir etwas dafür leisten müssten. Wir sind gerecht geworden durch den Glauben an Jesus Christus ohne Gesetzeswerke und haben Frieden mit Gott. So sagt es Paulus und so erklärt er es den Römern. So haben wir es in der Lesung aus Römer 5 gehört.

Diese Rechtfertigung oder sagen wir es einfacher: Die Vergebung unserer Sünden, sie ist nichts, was jetzt gilt und damit ist ein für allemal alles in Ordnung. Sie will gelebt werden. Sie will unser Leben verändern. Es bleibt nichts mehr so, wie es ohne diese Rechtfertigung war. Und diese Veränderungen und diese Auswirkungen, die beschreibt Paulus ab Kapitel 12 im Römerbrief.

 

Damit bekommt unser Predigttext aber einen anderen Charakter als den der Wucht und der Überforderungen. Hier wird konkret, was schon in uns ist. Hier wird konkret, was Gott tut, an uns, in uns und durch uns. „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der in uns ist“. Das ist Gottes Werk an uns im Glauben.

Was wir nun von Paulus gehört haben ist die Gebrauchsanweisung dieser liebe. Was er schreibt will helfen, die vielen Funktionen dieser Liebe zu entdecken. So wie die Gebrauchsanweisung eines Elektrogerätes helfen will die vielen Funktionen eines Gerätes zu entdecken. Nicht dass es nach Jahren heißt: Ach das kann ich ja auch noch, das habe ich gar nicht gewusst.

Die Liebe Gottes, die Fähigkeit so zu leben und zu handeln, wie es unser Predigttext beschreibt, ist in uns. So sind wir im Glauben. Und so können wir das leben.

So sind wir als Gemeinde ein Leib in Christus. Jeder ist ein Glied. Wir gehören zusammen, auch wenn jeder anderen gaben und Fähigkeiten hat. Wir sind eine Einheit in der Verschiedenheit aller einzelnen Glieder. Jedes ist wichtig. Das führt Paulus an verschiedenen Stellen aus. Jedes ist wichtig und hat seine Bedeutung. Jedes hat seine Begabungen und damit auch Aufgaben und Herausforderungen.

 

Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig.

Liebe Gemeinde, das geht gegen alles Streben nach Macht und Einfluss in einer Gemeinde. Ein Amt zu haben bedeutet natürlich, ich kann etwas gestalten so, wie ich das gern hätte. Der Kirchengemeinderat ist für die Gottesdienstordnung zuständig. Sicher im Rahmen der Vorgaben der Landeskirche. Aber da gibt es genug Spielraum die Dinge so oder so zu entscheiden. Was ist der Maßstab? Es geht nicht um Macht in einer Gemeinde und in einem Amt, es geht um den Dienst. Wer ein Amt hat, diene den anderen. Sicher: Mein Wissen und Können, meine Begabungen und mein Know How sind wichtig. Das Ziel aber ist nicht das, was ich will und mir am besten gefällt, sondern was der Gemeinde, den anderen dient. Und das kann jede und jeder in einen anderen Bereich übertragen. Es geht nicht um Macht, es geht um den Dienst.

Deshalb ist die Liebe der Maßstab für unser Tun und Lassen. Zunächst im Leben einer Gemeinde und im Dienst für die Gemeinde, dann aber auch ganz allgemein in unserem Leben als Christin und Christ.

 

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

Das ist ganz praktisch und ganz konkret. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor. Da sind wir ganz klar auf den anderen hin ausgerichtet und nicht auf uns selbst. Aber: Wo das eben für eine ganze Gemeinde gilt oder für eine Gruppe, einen Kreis, ein Arbeitsteam, da hat jeder viel mehr davon als wenn er nur allein nach sich gucken würde. Auch für den Konfliktfall ist das ein wichtiger Handlungsimpuls: Eine komme dem anderen zuvor. Wie viele Konflikte schaukeln sich hoch, weil jeder immer nur wartet, dass der andere sich bewegt und etwas tut. Wenn jeder dem anderen zuvor kommt, sollte ein Konflikt schnell bearbeitet sein.

Ich gebe zu, so zu handeln und zu leben ist eine Herausforderung, weil es dem, wie in unserer Gesellschaft gelebt und gehandelt wird, widerspricht. Aber Paulus sagt in den Versen zuvor: Stellt euch nicht dieser Welt gleich. Als Christen haben wir einen anderen Maßstab, den Maßstab der Liebe. Aber wir haben auch eine ganz andere Kraft so zu leben und zu denken.

 

Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

Natürlich sind das auch wieder Aufforderungen. Seid, seid, seid. Was wir aber sind, das sind wir durch Jesus Christus. Das ist nichts, was wir tun können, nur etwas, das wir uns schenken lassen können.

Seid brennend im Geist.

Der Heilige Geist ist in uns. Er will in uns das Feuer seiner Liebe anzünden, sodass es auf andere überspringt. Aber viele Sorgen und Nöte, viele Ängste und Bedenken können die Flamme der Begeisterung klein halten, niederdrücken, auch ausgehen lassen. Seid brennend im Geist. Lasst euch von der Wiete des Heiligen Geistes anstecken.

Seid fröhlich in Hoffnung. Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. Hoffnung weist über mein Leben über den Alltag und die Sorgen und Probleme hinaus. Auch das ist nichts, was ich mir selber schenken könnte. Hoffnung wird mir geschenkt im Glauben durch Jesus. Hoffnung entsteht durch sein Wort, indem ich es lese und es in mein Herz hineinkommt, und dann wächst und Frucht bringt.

 

Wir beginnen seit einiger Zeit unsere Sitzungen im Kirchengemeinderat mit „Bibel teilen“. Da nehmen wir uns einen Bibeltext vor und lesen ihn und bedenken ihn in der Stille. Erst nach einer längeren Zeit des Hörens auf den Text reden wir darüber, tauschen uns aus und gehen dann an die Sitzungsthemen heran. Es lässt sich nicht statistisch feststellen, was sich dadurch an Sitzungskultur verändert hat. Aber wir hören zuerst: Gott beschenkt uns, Gott gibt uns was wir brauchen. Und dann los.

Genau das ist aber auch der Sinn und Zweck, dass Mitarbeitende in ihre Ämter von einer Gemeinde eingeführt und gesegnet werden. Natürlich haben wir Bewerbungen geprüft und uns gefragt, wer wohl die geeignetste Kindergartenleiterin für unseren Kindergarten ist. Natürlich haben wir im Ortswahl Ausschuss überlegt, wen wir fragen wollen als Kandidierende für den Kirchengemeinderat, wer überhaupt in Frage kommt und das kann.

Aber das ist das eine. Auch das Wahlergebnis ist nur das eine. Das andere ist die Frage, wie das alles ganz konkret im Alltag der Arbeit und des Dienstes aussieht. Und da leben wir, egal wer wir sind und welches Amt wir haben, von der Kraft und dem Segen Gottes.

Und der Segen Gottes will uns die Kraft und den Frieden schenken, dass wir miteinander als eine Gemeinde wie ein Leib miteinander leben, in dem jedes ein Glied ist, der großes bewirken kann und dem es gut gehen soll. Amen.

 

Pfarrer Martin Bulmann, Stetten am Heuchelberg