Pfingsten 2014

Predigt mit Römer 8,1-11

Text der Reihe VI am Pfingstsonntag

gepredigt in Stetten a.H. am 8.6.2014

 

Liebe Gemeinde,

 

schon vor über einem Jahr habe ich gewusst, wie ich heute meine Predigt beginne. So früh war das noch nie der Fall und das ist auch für mich außergewöhnlich, denn normalerweise mach ich vieles erst auf den letzten Drücker und nicht ein Jahr vorher.

Wie manche von ihnen noch wissen, waren meine Familie und ich vor einem Jahr zu Pfingsten in Indonesien. Wir haben damals unseren Sohn Simon besucht und waren mit Leuten aus Eisingen bei Pforzheim auf einer Begegnungsreise bei der GKJTU, der christlichen Kirche in Nordmitteljava. Freitags sind wir losgeflogen, samstags sind wir angekommen in Salatiga, dem Sitz der Kirche und Zentrum der Region, einer Stadt mit ca. 200 000 Einwohnern. Und am Sonntag haben wir dann Pfingsten gefeiert in der kleinen Kirche in Salatiga. Die Kirche liegt im Zentrum von Salatiga, am zentralen Platz, einer großen Wiese, eingerahmt von der Hauptverkehrsstraße. Auf der anderen Seite dieses Platzes steht die große Moschee von Salatiga, ganz in Islamgrün und mit einem hohen Minarett.

Ich musste an die Jünger Jesu denken. Sie waren am ersten Pfingsten in einem Haus zusammen. Ein kleiner Haufen von Leuten die an Jesus glaubten inmitten einer Mehrheit, die von Jesus nichts wissen wollte oder ihnen sogar feindlich gegenüber standen, weil sie Jesus als Gotteslästerer ans Kreuz gebracht haben. Doch dann kam der Geist Gottes über sie und sie wagten es hinauszugehen auf die Straßen und Plätze in Jerusalem und das Evangelium zu verkündigen. Das ist Pfingsten: Der Geist Gottes gibt ihnen Mut und Kraft zu Jesus zustehen.

Das ist in Indonesien nicht viel anders. Der Heilige Geist gibt den Menschen dort Kraft, Kreativität und Mut, um zu Jesus zu stehen in einer Umwelt, die wie damals in Jerusalem entweder von Jesus nichts wissen will oder ihnen gegenüber sogar feindlich eingestellt ist. Sie sind eine Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land, in dem zwar Religionsfreiheit für sie herrscht, das auch sehr tolerant ist, aber in dem es auch radikale Muslime gibt und Politiker, die sich mit antichristlichen Aktionen lieb Kind bei Muslimen machen wollen.

Und trotzdem haben sich in Salatiga zu diesem Pfingstgottesdienst über 200 Menschen versammelt und darunter unsere Reisegruppe aus Deutschland. Weil die Kirche zu klein ist, wurde der Gottesdienst sogar ins Freie übertragen.

Und da saßen wir und haben nichts verstanden. Nur auf einer Präsentation an der Wand war eine deutsche Übersetzung der Predigt zu lesen. Und doch: Wir haben versucht, die Lieder auf indonesisch mitzusingen und so diesen Gottesdienst mitzufeiern.

Und dann haben wir Abendmahl gefeiert. Es gab keinen guten schwäbischen Trollinger-Lemberger in einem Abendmahlskelch. Es gab einen vergorenen Früchtesirup in einem Plastikbecher. Aber egal. Was wir erlebt haben war Pfingsten pur:

Wildfremde Menschen haben sich zusammen gefunden, Menschen aus verschiedenen Völkern und mit verschiedenen Sprachen. Der Heilige Geist hat uns geeint, sodass wir miteinander Abendmahl gefeiert haben, die Gemeinschaft des Glaubens in Brot und Wein, in Christi Leib und Blut.

Mich hat das so bewegt, dass seither für mich Pfingsten immer mit dieser Erlebnis und der Gemeinde in Salatiga verbunden sein wird.

Denn das war Pfingsten so, wie es uns die Apostelgeschichte des Lukas erzählt. Gott sendet seinen Heiligen Geist. Die Jünger predigen in verschiedenen Sprachen. Die Pilger in Jerusalem hören und verstehen sie in ihren Muttersprachen. Und 3000 Leute kommen nach den Angaben des Lukas zum Glauben, Menschen aus verschiedenen Sprachen und Ländern, die sich vielleicht gar nicht verstehen. Sie hören Gottes Wort, feiern Gottesdienst und das Abendmahl miteinander. So wie wir das in Indonesien eindrücklich erlebt haben.

Und deshalb habe ich mir schon damals vorgenommen heute meine Predigt mit diesem Bericht zu beginnen. So wirkte der Heilige Geist damals in Jerusalem, so wirkt er noch heute. Das ist Pfingsten - für uns und die ganze Welt.

Doch als ich mir im letzten Jahr vorgenommen hatte, meine Predigt heute mit diesem Bericht zu beginnen, habe ich auch einen Fehler gemacht. Denn wenn sie jetzt den Predigttext für heute hören, dann scheint er auf den ersten Blick überhaupt nichts mit dem Pfingstfest letztes Jahr und unseren Erlebnis in Indonesien zu tun zu haben. Hören sie selbst. Ich lese aus dem Römerbrief Kapitel 8, 1-11.

 

 

Habe ich Recht, liebe Gemeinde?

Das klingt wie Römerbrief. Ein bisschen fremd, ein bisschen kompliziert in seinem Gedankengang. Und vor allem: Was hat das mit Pfingsten zu tun? Was hat das zu tun mit unserem Pfingstgottesdienst heute, mit dem Pfingstgottesdienst vor einem Jahr und mit dem Pfingstfest, wie es uns der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte berichtet? Auf den ersten Blick oder das erste Hören hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Aber mit dem Zweiten sieht man besser, mit dem zweiten Blick oder dem zweiten Hören tun sich doch Verbindungen auf.

Wenn die Jünger auf die Straße gehen, wenn sie in fremden Sprachen die großen Taten Gottes verkündigen und wenn fremde Menschen sie in ihren Sprachen hören und verstehen, dann ist das die Außenseite von Pfingsten, das, was man beobachten und erleben kann. Wenn Menschen zum Glauben kommen und mutig ihren Glauben leben in einer feindlichen Umwelt, dann ist das die Außenseite von Pfingsten. Wenn Gemeinde entsteht und Kirche gelebt wird über die Grenzen von Sprache und Nationalität hinweg, wenn Menschen auf Gottes Wort hören, Gemeinschaft haben und wenn Abendmahl gefeiert wird, dann ist das die Außenseite von Pfingsten, das, was man beobachten und erleben kann.

Paulus aber beschreibt hier im Römerbrief die Innenseite von Pfingsten. Paulus beschreibt das, was in den Menschen vorgegangen ist und noch immer vorgeht, die Pfingsten leben. Paulus beschreibt etwas, das wir nicht sehen können, ohne das aber Pfingsten auch nach außen hin nicht sichtbar und erlebbar wäre. Paulus beschreibt die Innenseite von Pfingsten.

Und seine Beschreibung beginnt mit dem, mit dem alles, was geistlich ist und geistlich gesagt werden muss beginnt: Mit der Erlösung in Jesus Christus, mit der Rettung von Sünde und Tod.

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Wer erlöst ist und gerettet ist, wer an Gott glaubt, weil er sich von ihm zu ihm hin gezogen weiß, der oder die hat den Geist Gottes bekommen. Er wohnt in ihnen, sie sind geistlich gesinnt. Da ist eine Veränderung in ihnen vorgegangen.

Vorher waren sie fleischlich gesinnt. Paulus beschreibt sehr eindrücklich im Kapitel vorher, was vorher war.

Er hat gemerkt, „ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“

Fleischlich – das ist unser Leben hier in dieser Welt. Fleischlich – das heißt zunächst wir sind von Gott wunderbar geschaffen mit einem Wunderwerk von Körper, mit Augen, Ohren, Händen und den Organen und vielem mehr. Fleischlich heißt aber auch: Wir sind vergänglich. „Alles Fleisch ist wie Gras, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt“, sagt ein Psalmbeter.

Wenn wir nun darauf, was wir sind und haben als Geschöpfe Gottes, unser Leben bauen und das zum Maßstab unseres Handelns nehmen, dann sind wir fleischlich. Dann orientieren wir uns an unseren Wünschen und Interessen und setzen auf „etwas, das Halt, Befriedigung, Sinn und Zukunft verspricht, aber am Ende dieses Versprechen nicht halten kann.“ Weil es eben vergeht und keinen Ewigkeitswert hat. Und weil es scheitert in der Spannung, die Paulus aufzeigt: Ich bin der Macht der Sünde unterworfen. Das Gute, das ich weiß und das ich will, kann ich nicht tun.

Erst wenn mit uns Menschen eine grundlegende Veränderung geschieht, dann können wir dieses Dilemma, diese Spannung überwinden. Diese grundlegende Veränderung geschieht in Jesus Christus. Sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten haben diese Veränderung bewirkt. Im Glauben öffnen wir uns für sein erlösendes und befreiendes Handeln. Der Geist Gottes macht uns in Jesus Christus lebendig und reißt uns heraus aus dem Gesetz der Sünde und des Todes. Wir werden frei zu einem Leben nach anderen Maßstäben mit einem anderen Horizont. Der Geist Gottes richtet unser Leben nach Gott aus. Geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede mit Gott. Der Geist ist Leben um der Gerechtigkeit willen.

Wohlgemerkt: Diese Erneuerung können wir nicht aus uns selbst machen. Es ist Gottes Werk in uns. Aber eben deshalb auch so effektiv. Der Heilige Geist wohnt in uns und verändert uns von innen heraus. Manchmal merken wir das nicht einmal. Manchmal entdecken wir nur: Da ist etwas anders. Da hat sich über Jahre was verändert.

Liebe Gemeinde, genau deshalb habe ich gesagt, Paulus beschreibt die Innenseite von Pfingsten. Weil das etwas ist, das in denen vorgeht, die vom Heiligen Geist ergriffen sind und man das eben nicht auf den ersten oder zweiten Blick von außen sieht.

Übrigens muss das natürlich auch mit dem, was man von außen sieht übereinstimmen. Denn das merkt man irgendwann schon, ob das, was nach außen geschieht an Wirken des Heiligen Geistes auch seinen inneren Grund hat, oder ob alles charismatische oder fromme Getue auch nur fleischlich ist, also von menschlichen Wünschen und Interessen gelenkt ist.

Denn Paulus sieht die Gemeinde in Rom, sich selbst und damit uns Christinnen und Christen alle noch auf dem Weg. Er schreibt am Ende unseres Predigttextes:

Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Gott macht uns erst noch lebendig durch seinen Heiligen Geist. Das aber ist ein Prozess, der seine Zeit dauert und nicht auf einmal umgesetzt ist.

Das ist nun die Aufgabe zu der wir mit diesem Text und zum Pfingstfest eingeladen sind. Nicht um uns herum zu sehen, welche Menschen fleischlich gesinnt sind und welche geistlich. Sondern in uns zu sehen: In welchen Bereichen meines Lebens bin ich schon geistlich gesinnt und in welchen Bereichen bin ich fleischlich gesinnt. In welche Bereiche darf Gott hineinreden und welche Bereiche steuere ich mit meinen Wünschen und Interessen? Die Grenze zwischen fleischlich und geistlich verläuft in mir. Die Zusage Gottes ist die, dass uns der Heilige Geist lebendig machen will, gerade auch die Bereiche, die noch fleischlich sind.

Das Ergebnis dieses Prozesses sind dann Menschen und Gemeinden, die Salz und Licht sind in der Welt, in den ganz verschiedenen Bereichen unseres Lebens. Da gehen Menschen hinaus auf die Straßen und verkünden das Evangelium, wie die Jünger damals am ersten Pfingstfest. In Indonesien aber ist das beispielsweise verboten. Die Kirche dort, die wir besucht haben, hat dafür ein großes diakonisches Werk und unterhält Kindergärten und Schulen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Und sie engagieren sich in organischer Landwirtschaft, das heißt, wie man biologisch, nachhaltig und ressourcenschonend Landwirtschaft betreibt. Ein Evangelist und Diakon ist da Pionier und macht Seminare dazu. Er sagt: Ich möchte, dass auch noch meine Enkel auf diesem Boden gesundes Gemüse anbauen können.

So macht der Geist Gottes lebendig. Das ist die große Zusage von Pfingsten, aber auch eine große Herausforderung.

 

Salamat Pentecoste.

Das ist indonesisch und heißt: Ich wünsche Ihnen frohe Pfingsten. Und ich wünsche uns immer wieder neu das Lebendig werden durch den Geist Gottes. Amen.

 

Pfarrer Martin Bulmann, Stetten am Heuchelberg