Heilig Abend 2015

Ansprache zu Josef

 

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,

 

ich hoffe, Sie haben sie schon gesehen oder sind ganz neugierig. Wir haben neue Krippenfiguren. Die alten waren schon reichlich lädiert und konnten nicht mehr repariert werden, Schafe mit nur noch zwei Beinen, ein Elefant mit einem Riss im Rüssel, das ist nicht mehr attraktiv und bei aller Liebe zu den alten Krippenfiguren hat sich der KGR entschieden, neue Figuren anzuschaffen.

Man glaubt gar nicht, wieviel Geld solche Krippenfiguren kosten können. Es darf ja auch nicht billig aussehen, sondern muss schon Stil haben. Als verantwortungsvoller Pfarrer macht man sich so seine Gedanken, wo man hätte sparen können. Mir sind eigentlich nur zwei Figuren eingefallen, die man meiner Meinung nach ruhig weglassen könnte. Aber die eine, das weiß ich, das wäre gar nicht gegangen, den wegzulassen. Da hätte der Kirchengemeinderat alles andere auch abgelehnt. Die eine Figur ist der Elefant. Eine Weihnachtskrippe in Stetten ohne Elefant – das geht gar nicht. Den braucht es, keine Frage, ohne Elefant bei den Weisen aus dem Morgenland kann es kein Weihnachten und keine Weihnachtskrippe bei uns in Stetten geben, das geht nicht.

Aber die andere Figur, die können wir ruhig weglassen, auf die kommt es in der Krippe und in der Weihnachtsgeschichte eh nicht an, deshalb habe ich diese Figur auch schon herausgeräumt.

Sieht das hier vorn jemand: Wer fehlt denn in der Krippe?

 

Ich habe den Josef herausgenommen. Der ist so unwichtig in der Weihnachtsgeschichte, auf den hätten wir verzichten können und uns das Geld sparen können, oder?

Marion Küstenmacher, Buchautorin, erzählt von ihren Weihnachtserfahrungen. Für sie war Josef immer ein "Statist unter Stars".

 

Wenn man die bekannte Weihnachtsgeschichte von Lukas hört, dann kommt einem der Josef tatsächlich so vor: Ein Statist unter lauter Stars. Was hören wir von ihm? Was tut er denn in der Weihnachtsgeschichte? Überlegen Sie mal kurz für sich selbst?

Ich lese nochmal was in Lukas 2 über ihn steht:

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

Mehr erfahren wir nicht. Einmal wird er noch erwähnt als die Hirten kommen, nach dem Motto: Ach der Josef, der war auch dabei.

Wir erfahren von Maria, dass sie das Kind bekommt und es in eine Krippe legt, weil sie sonst keinen Raum in der Herberge hatten. Wir erfahren von den Hirten und nochmal von Maria, dass sie sich die Worte der Hirten merkt und in ihrem Herzen bewegt. Aber sonst? Josef bleibt blass. Was tut er? Er ist dabei, weiter nichts. Auch als die Weisen kommen, ist von Josef nicht die Rede. Sie fanden das Kindlein und Maria, seine Mutter. Aber den Josef fanden sie nicht. War er zu der Zeit im G´schäft oder in einer Kneipe? Wir wissen es nicht.

Josef - Ein Statist unter Stars. Treffender könnte man das nicht beschreiben.

Maria, wenn wir auf die verzichtet hätten, ja dann wäre was los gewesen. Nach dem Jesus Kind ist Maria die Hauptperson Nummer 2. Sie bringt das Kind zur Welt. Von ihr ist viel öfter die Rede. Auch in den Liedern zu Weihnachten. So singen wir jetzt ein Lied, in dem Maria auch vorkommt – und Josef nicht.

 

Es ist ein Ros entsprungen.

 

Jetzt hatten sie ja ein wenig Zeit nachzudenken oder auch nicht. Sollen wir den Josef wirklich in Zukunft draußen lassen oder soll ich ihn wieder in die Krippe stellen, was denken Sie. Reinstellen oder draußen lassen?

Man könnte jetzt sagen: Wenn wir ihn schon gekauft haben, dann können wir ihn auch reinstellen. Rein statistisch eben. Wie ein Holzscheit am Lagerfeuer oder ein Büschel Moos, das hat auch keine Bedeutung, ist aber wichtig für die Atmosphäre an der Krippe.

Oder wir hören einmal etwas genauer hin und auf eher unbekannte Texte der Bibel, ob uns Josef nicht doch etwas zu sagen hat zum Weihnachtsgeschehen.

Bei Matthäus, in dem Evangelium, das uns auch die Geschichte von den Weisen aus dem Osten erzählt, da steht etwas über den Josef drin, das wir viel zu selten lesen und erzählen.

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.

Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.

Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.

Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):

»Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

 

Ein paar Gedanken zu diesem Josef:

 

Josef ist kein Weihnachtsträumer

Weihnachten und Romantik, das gehört ja für uns ganz eng zusammen. Darum muss auch ein Elefant zur Weihnachtskrippe. Aber für den Josef war seine erste Begegnung mit dem Weihnachtsgeschehen überhaupt nicht romantisch, sondern eine Katastrophe. Seine Maria, seine Verlobte, ist schwanger.

Josef ist Realist. Er kann eins und eins zusammenzählen. 1 Frau, 1 Baby im Bauch, ich war’s nicht, also war es ein anderer. Maria hat mich mit einem anderen Mann betrogen. So einfach ist das für ihn. Was hätte er sonst denken sollen? Was hätte er sonst denken können? Er war kein Weihnachtsträumer.

Sie hat einen anderen Kerl – das ist eine Katastrophe für Josef, damals erst recht. Auch wenn sie beide nur verlobt waren, galt das doch wie verheiratet. Und ein anderer Kerl war Ehebruch. Und auf Ehebruch stand zumindest Schimpf und Schande wenn nicht sogar die Steinigung als Todesstrafe. So streng war das damals, so katastrophal war diese Nachricht für den Josef.

 

Aber wir sehen auch in der Geschichte hier bei Matthäus:

Josef hatte Maria wirklich von Herzen lieb.

Er sucht nach einem Ausweg. Er will Maria zumindest so schützen, dass er es nicht ist, der sie anklagt. Er will sie nicht bloßstellen, sondern sie heimlich verlassen. Das ist der Maximalschutz, den er ihr geben kann. Er hat sie immer noch lieb, auch wenn alles andere für ihn eine Katastrophe ist.

Er hätte das Gesetz auf seiner Seite und seiner Maria einen Skandal machen können. Aber er tut es nicht, er hat sie immer noch von Herzen lieb.

 

Und dann wird aus dem Josef doch noch ein Weihnachtsmensch.

Er ist Realist, und dann wird er doch zum Träumer. Denn in einem Traum spricht ein Engel zu ihm und löst das Geheimnis auf, das Maria in ihrem Bauch trägt und das dem Josef Kopfzerbrechen macht.

Das Kind, das sie erwartet ist vom Heiligen Geist.

So erklärt sich ihre Schwangerschaft also. Genauso, wie es übrigens der Engel auch Maria erklärt hatte, als er sie besuchte, wie wir das im Lukasevangelium lesen. Da fragte Maria: Wie kann ich schwanger werden, wenn ich noch mit keinem Mann geschlafen habe. Und der Engel sagt ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.

Und jetzt kommt es: Jetzt bekommt der Josef seine Aufgabe: Maria wird einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von den Sünden erlösen.

Josef gibt dem Kind den Namen. Das ist das ureigene Vorrecht des Vaters damals gewesen. Dieses Vorrecht bekommt Josef. Damit wird er der irdische Vater dieses Kindes.

 

Und dann geschieht das zweifache Wunder von Weihnachten:

Gott wird Mensch in diesem Kind, das Maria zur Welt bringt. Gott macht sich auf den Weg vom Himmel in unsere Welt, um uns und diese Welt zu erlösen. Von Sünde und Schuld ist hier die Rede, aber eben damit von allem, womit wir uns selbst das Leben und unser Miteinander so schwer machen.

Das ist das eine Wunder von Weihnachten: Gott wird Mensch.

Und das andere Wunder ist das: Da bekommt ein Mensch wie Josef die Weihnachtsbotschaft verkündigt. Und so sehr er Realist ist, und so wenig er ein Träumer ist, so sehr vertraut er dann doch der Botschaft des Engels. So sehr vertraut auch er, wie Maria, wie die Hirten auf dem Hirtenfeld, wie die Weisen dem Stern vertrauten, so vertraut auch er der Wahrheit dieser Botschaft.

Das ist das zweite Wunder von Weihnachten: Menschen vertrauen dieser Botschaft.

Und das verändert ihr Leben und das verändert diese Welt.

Und dafür steht für mich in Zukunft der Josef mit seiner ganz persönlichen Weihnachtsgeschichte. Er hat dieser Botschaft vertraut. Er hat Maria nicht verlassen, er nahm sie zu sich und hat die Ehe damit vollzogen. Und als das Kind geboren war, gab er ihm den Namen Jesus: Gott wird sein Volk durch ihn erlösen. Das hat er, der Josef, klar gemacht.

 

Doch dieses zweite Wunder von Weihnachten, das ist noch nicht zu Ende mit der Geschichte von Josef. Dieses zweite Wunder von Weihnachten, das dauert an. Diese Fortsetzung aber ist jetzt nur zu einem ganz kleinen Teil in der Bibel zu lesen, viel mehr ist in unseren Herzen zu lesen. Dieses Wunder von Weihnachten geschieht da immer wieder neu, wo wir wie Josef und die anderen Weihnachtsmenschen der Botschaft glauben und danach handeln: Gott wird Mensch, kommt hier hinein in unsere Welt und ist unter uns gegenwärtig. Das gibt uns Kraft zum Handeln, Mut zu hoffen, eine Zuversicht, auch wenn manche Umstände eine andere Sprache sprechen. Das gibt uns Freude fürs Leben und Trost im Tod. Gott ist da. Das macht unsere Welt nicht himmlischer, aber das macht sie menschlicher. Dazu ist Gott Mensch geworden.

 

Und in der Kraft seines Geistes, sind viele Menschen unterwegs, diese unsere Welt ein wenig zu verändern. Alle, die Flüchtlingen helfen, hier heimisch zu werden, egal welche Religion sie haben, das sind Weihnachtsmenschen. Alle, die andere zu Weihnachten einladen, die sonst allein wären, sind Weihnachtsmenschen. Alle, die die Liebe Christi in Krankenhäusern, an Sterbebetten und in Besuchen weitergeben sind Weihnachtsmenschen. Alle, die Frieden stiften wo Streit ist, sind Weihnachtsmenschen. Alle, die vergeben wo Verletzungen da sind, wo Schuld ist, sind Weihnachtsmenschen. Es sind die kleine Dinge in unserem persönlichen Leben, die uns zu Weihnachtsmenschen machen. Aber sie verändern auch die Welt.

 

Das zweite Wunder von Weihnachten geschieht da, wo die Weihnachtsbotschaft unser Herz erreicht und verändert, wo wir tatsächlich in Jesus unseren Heiland finden. Dann sind wir wie Josef keine Weihnachtsträumer mehr, sondern Weihnachtsrealisten, Weihnachtsmenschen. Dann müssten wir mit dem Josef noch viel mehr Krippenfiguren in den Stall von Bethlehem stellen. Figuren, die sie und mich zeigen, wie wir an der Krippe stehen und Gott loben.

Das wäre dann aber richtig teuer. Einstweilen hoffe ich, sie sind damit einverstanden, wenn ich den Josef aus der Statistenrolle rausnehme und ihn wieder in die Krippe stelle, für uns alle und an unserer Stelle. Da, wo er steht, da ist auch unser Platz. Amen.